Sinnflut wollen nicht rocken
Reviews-Das Vermächtnis,
12.05.2002
Das Vermächtnis ist bereits das dritte in Eigenregie aufgenommene,
kopierte und vertriebene Album des Projekts mit dem schönen Namen
Sinnflut. Sinnflut, das sind die Brüder Magnus und Manuel Bartsch,
die auf dieser CD von Sebastian Röhrer und Miachael Krahn streckenweise
mit Gitarrenspiel unterstützt werden. Doch der größte
Teil der Musik kommt aus der Konserve.
Sinnflut wollen nicht rocken, sie machen keine Musik für Tanzflächen, sondern einfach zum Anhören. Dabei stehen die Texte von Manuel im Zentrum, getragener langsamer Sprechgesang, der von atmosphärischer, recht minimalistischer Musik untermalt wird.
Ein ganzes Leben reduziert die Erfahrungen eines menschlichen Lebens auf Schmerz und Leid, rückblickend aus dem Alter erzählt. Das Lachen berichtet von einem Kind, dem das Lachen gestohlen wird. Im Anblick meines Augenblicks ist ein kurzer Text über die Sinnlosigkeit des Lebens und den Tod. Kalte Ohren sind Ohren, die nicht zuhören, wenn ihnen etwas persönliches erzählt wird. Und in Kristallkäfig hat sich das Lyrische Ich "den Himmel ganz anders vorgestellt". Zum abchluss gibt es noch die Gitarren Version von Sie, der einzige Text, der im Booklet nicht abgedruckt ist.
Das Vermächtnis erzählt von den dunklen Seiten des Lebens, von Traurigkeit, von seelischem Schmerz, weniger von körperlichem. Leider zu pathetisch und zu selten konkret, die Worte Schmerz, Leid usw. werden zu inflationär gebraucht. Das Dunkle ist nicht wirklich fassbar, sondern bleibt plakativ. Auffallend auch, dass die Texte sehr kurz sind im Vergleich zur Länge der einzelnen Stücke, die Stimme könnte manchmal deutlicher sein. Die musikalische Umsetzung wirkt streckenweise noch unausgereift, aber dennoch interessant. Schön, dass nicht versucht wird, den Zuhörer mit Bombast zu erschlagen, was man bei den Texten auch hätte machen können; die beiden beweisen Sinn für Verzögerungen, Pausen und Zurückhaltung an den richtigen Stellen. Doch auch andere Elemente kompositorisches Geschick. Der leise Mädchengesang zu Beginn von Das Lachen bringt beispielsweise eine schöne Stimmung in das Stück, das auch abgesehen davon das interessanteste des Albums ist. Auch Kristallkäfig weiß mit seiner Steigerung, von neofolkartigen Klängen ausgehend, zu gefallen.
Das Vermächtnis ist sicher kein perfektes Album, doch für eine Eigenproduktion sehr schön gestaltet. Sinnflut ist ein Musikalisches Projekt mit Potential, sollte man unbedingt im Hinterkopf behalten. Denn eine Musikszene braucht keine neuen Sisters of Mercy Klone, sondern eigenständige Ideen. Und da liegt man bei Sinnflut nicht falsch.
(Boris Koch)
Quelle: www.dunkle-welten.de